Ein Buch zum Lesen: Peter Hersches "Agrarische Religiosität"

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Einer der besten, sicher aber lesenswertesten Autoren aus der Branche der Sozialgeschichte ist Peter Hersche, der auch schon in Rom einen öffentlichen Görres-Vortrag gehalten hat. Benjamin Leven, Korrespondent der Herder-Korrespondent in Rom, hat für die Zeitschrift für Kirchengeschichte eine Rezension von Hersches Buch "Agrarische Religiosität: Landbevölkerung und traditionaler Katholizismus in der voralpinen Schweiz 1945-1960" (Baden 2013) veröffentlicht, die wir hier wiedergeben. So regional das Thema auch lautet, Hersche gelingt es in seinen Büchern, aus der Detailstudie heraus archetypische Epochen zu zeichnen. Diesmal geht es um den Untergang des ländlichen Katholizismus nach dem Zweiten Weltkrieg, den Hersche selber miterlebt hat. Aber lesen Sie die Rezension:

Oft wirken soziale und kulturelle Merkmale, die einer bestimmten Epoche zugeschrieben werden, noch lange über deren vermeintlichen Abschluss hinaus. Der Historiker Peter Hersche hat 2006 in seinem großen Werk „Muße und Verschwendung“ die Kennzeichen einer Mentalität herausgearbeitet, die das katholische Europa bis ins 18. Jahrhundert stark prägte. Schon damals äußerte Hersche die Vermutung, dass sich Teile dieser Mentalität und entsprechender Lebensformen noch weit über die Barockzeit hinaus erhalten haben müssen. Nun hat er in einer meisterhaften Studie dargestellt, wie viel „Barockes“ trotz Aufklärung und Industrialisierung tatsächlich in gewissen Rückzugsgebieten – hier den Schweizer Halbkantonen Appenzell Innerrhoden und Obwalden – bis nach dem Zweiten Weltkrieg überlebte. Im Sinne einer „gerade noch möglichen Spurensicherung“ hat der Historiker eine Reihe von Zeitzeugeninterviews geführt.

Hersche dokumentiert die Sozialstrukturen und die Arbeitsorganisation der bäuerlichen Bevölkerung. Er schildert die Wirtschaftsweise der Bauern, ihre ökonomischen und sozialen Verhältnisse und die Beziehungen untereinander, die Einteilung der Arbeit während des Tages und im Verlauf des Jahres sowie die Bedeutung verschiedener Nebenerwerbstätigkeiten. Bei den Frauen waren dies etwa Handstickerei oder die Herstellung von Strohhüten, bei den Männern Handlangertätigkeiten im Baugewerbe oder Arbeiten im aufkommenden Wintersport. Anschließend charakterisiert Hersche die traditionelle bäuerliche Mentalität und zeigt auf, welche Wandlungen sich hier abzeichneten – und zwar vor allem in drei Bereichen: Im Verhältnis zur Arbeit, zur Zeit und zum Geld. So herrschte unter den Bauern vielfach noch Subsistenzwirtschaft, Geld spielte eine vergleichsweise untergeordnete Rolle. Personenversicherungen seien noch eine Randerscheinung, die Krankenkasse „praktisch unbekannt“ (98) gewesen. Der Autor verweist hier auf die barock-katholische Skepsis gegenüber der im 18. Jahrhundert vor allem im Bereich des Protestantismus aufgekommenen Versicherung und die Auffassung, „man dürfe nicht in das Walten Gottes über Glück und Unglück eingreifen“ (98). Anschließend behandelt Hersche die Rolle des Klerus. Er untersucht ihre rechtliche und vor allem ihre soziale Stellung, die in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg noch gekennzeichnet gewesen sei durch eine „fast monarchische Herausgehobenheit und Unnahbarkeit“ (113). Eine besondere Rolle hätten Ordensgeistliche gespielt, insbesondere die Kapuziner, deren spezielle Seelsorge von vielen Menschen geschätzt worden sei. Eine Besonderheit seien die so genannten „Kapuzinermittel“ gewesen – Sakramentalien, die von den bäuerlichen Bevölkerung als Mittel gegen allerlei Unglück und Schaden eingesetzt worden seien – übrigens bisweilen auch von Protestanten. Man habe sich bei den Ordengeistlichen Weihwasser, geweihte Medaillen und besonders gesegnete Wachsplättchen besorgt. Auch habe es in den Klöstern „Malefizpatres“ gegeben, die in ernsteren Fällen die Menschen zuhause aufgesucht hätten, um mit Gebeten und Segnungen gegen unerklärlich erscheinende Heimsuchungen vorzugehen. Das Thema, so berichtet Hersche, sei bei den Zeitzeugen heute tabuisiert (248-154). Bei vielen Kapuzinern stoße man in dieser Angelegenheit auf eine „Mauer des Schweigens“ (150). Bei der individuellen Religiosität der bäuerlichen Bevölkerung hätten das Morgen- und Abendgebet, den Rosenkranz, das Tischgebet, Segenszeichen und Devotionalien gespielt (166-175). Besondere Aufmerksamkeit richtet Hersche auf die Wallfahrt, die nebem ihrer religiösen Dimension auch Ausflugscharakter besaß. Nur wenige Gläubige seien dabei allein gepilgert, üblich war die Wallfahrt in Familien oder Gruppen (175-182). Auch sei es noch üblich gewesen, einen Stellvertreter zu beauftragten, wenn man selbst die Wallfahrt nicht antreten konnte. Bis in die Fünfzigerjahre hinein habe es im Appenzellischen sogar noch Berufswallfahrerinnen gegeben, die eine Wallfahrt für andere gegen Bezahlung unternahmen (181-182). Der individiuellen stellt Hersche die soziale Religiosität gegenüber: Die Katholiken hätten ihre Frömmigkeit in Bruderschaften und kirchlichen Vereinen praktiziert. Zu den kollektiven Frömmigkeitspraktiken gehörten die verschiedenen Prozessionen, die bei weitem nicht nur an Fronleichnam, sondern an verschiedenen Terminen im Kirchenjahr gehalten wurden. In der Reformzeit des Zweiten Vatikanischen Konzils sei es jedoch „zu einem fast völligen Kahlschlag der in den ersten Nachkriegsjahren noch reich blühenden Prozessionslandschaft“ gekommen, womit „eine der sinnfälligsten Erinnerungen an den Barock aus unserer Landschaft“ verschwunden sei (206). Gleiches stellt Hersche für die Andachten und den gemeinsam gebeteten Rosenkranz fest. Die kirchlichen Reformen hätten zu einer fast ausschließlichen Konzentration der religiösen Praxis auf die sonntägliche Messfeier geführt. Zuvor habe „der Durchschnittskatholik auf dem Land (…) anderen Frömmigkeitsübungen zusammengenommen ein Mehrfaches an Zeit“ gewidmet (211). Natürlich habe man den Sonntag gehalten und die Messe besucht, die Geistlichen hätten aber das zu späte Kommen und das frühe Verlassen der Messe sowie unandächtiges Verhalten beim Gottesdienst beklagt, vor allem bei den Männern (247-254). Ein häufiger Konflikt zwischen Bauern und geistlicher Obrigkeit habe sich aus der Frage der bei Bauern gelegentlich notwendigen Sonntagsarbeit ergeben (262-266). Was sakralen Prunk und Verschwendung betrifft, etwa bei der Kirchenausstattung und kirchlichen Festen, so berichteten die Interviewpartner, dieser habe in der Bevölkerung allgemeine Zustimmung gefunden. Einen Widerspruch des Sakralprunks zur Notwendigkeit der Caritas habe man nicht empfunden (280). Zwischen der Theorie und der Praxis der Moral habe es immer wieder Diskrepanzen gegegen, die auch zu Konflikten zwischen Bevölkerung und Klerus geführt hätten, etwa beim Thema Tanz und natürlich im Bereich der Sexualität (310-344). Generell attestiert Hersche dem Katholizismus ein weitgehendes Misslingen bei der Disziplinierung des Einzelnen (326).

Hersches beeindruckendes Buch zeichnet in anschaulicher Weise das Bild einer Welt im Untergang. Dabei zeigt sich immer wieder der enge Zusammenhang von Religion und landwirtschaftlicher Arbeit, der die Mentalität der bäuerlichen Bevölkerung prägte. Es ist dieser Zusammenhang, der in den Jahrzehnten nach dem Krieg endgültig zerbrach. Das Ende der traditionellen Landwirtschaft – laut Hersche vielleicht der größte Umbruch seit dem neolithischen Zeitalter – ging Hand in Hand mit dem Ende der traditionellen Frömmigkeit. Eine gewisse Wehmut ist dem Autor anzumerken. So beklagt er abschließend einen „Verlust der sinnlichen Erfahrung“ und resümmiert: „200 Jahre nach den Anfängen in der Aufklärung war also die Landwirtschaft, wie die übrige Wirtschaft auch, rational organisiert und der Katholizismus so vernünftig wie der Protestantismus geworden. Aber um welchen Preis?“ (390)