Was macht eigentlich Peter Nadig?

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Die Görresianer der Altertumskunde kennen ihn: PD Dr. Peter Nadig, aber die meisten werden ihn aus den Augen verloren haben, kein Wunder, da er inzwischen in Äthiopien ist! Da heute sein Geburtstag ist, gebe ich - mit seiner Erlaubnis - ein Lebenszeichen von ihm vom Jahre 2016 wieder, nämlich eine Email, als er noch stark in der Eingewöhnungsphase war. Seither ist er Professor an der Mekelle-University in Nord-Äthiopien und schreibt so trocken-beobachtende Briefe, dass sie amüsant zu lesen sind. Ich glaube, nur die allerwenigsten deutschen Akademiker hätten den Mut und die Ausdauer, einen solchen Härtetest im Ausland zu bestehen. Doch lesen Sie selbst! Ich lasse die Rechtschreibung so, wie einer schreibt, der jeden Moment mit Stromausfall und Netzabsturz rechnen muss (kleinere Eingriffe in den Text wurden vorgenommen):

8. Dezember 2016

Lieber Stefan, ich schreibe lieber ueber Hotmail, da im Falle eines Stromausfalles nichts verloren geht. Diese Woche war es bislang nicht so schlimm mit der Elektrik, aber in den zwei wochen zuvor war es mitunter nervtoetend. Weil die Stromphasen oft kuerzer waren als die Ausfaelle. Kaum hatte man angefangen etwas zu schreiben, Puff!, kaum funktionierte des Internet wieder, Puff! usw. An einigen Vormittagen gab es 4-5 Stunden ohne Unterbrechung keinen Strom. Daheim ist bes weniger dramatisch. Nur letzten Samstag hatte ich den Reis fast fertig gekocht, als fuer uber 4 Stunden Stunden der Saft weg war. Also gab es Kekse und den Reis kochte ich am Sonntag.

Durch den Ausnahmezustand ist das Internet seit zwei Monaten eingeschraenkt benutzbar, aber es kann auch schonmal ganz abgeschaltet sein. Aber es kan mitunter sehr lang- und muehsam sein. Und seit einem Monat kann ich amazon und ZVAB und anderer Webseiten nicht aufrufen Und selbst wenn man einen Umgehungsbrowser hat wird das nicht besser. Also warte ich ab. Und alle sozialen Medien sind blockiert, darunter auch academia und selbstverstaendlich facebook. Ich bin in keinem davon drin.

Meine Taetigkeit nimmt mich hier immer mehr in Beschlag. Ich unterrichte und moderiere 8 bis 16 Stunden in der Woche ausschliesslich an unserem Doktoranden-Programm. Das Forschungskolloquium ist nicht immer jede Woche und einen Kurs teile ich mit meinem Kollegen S. Diese Woche bin ich nicht dran, aber gestern habe ich mir den Unterricht angehoert. Viele Termine in der Uni ergeben sich zu dem eher kurzfristig, was nervig ist. So wird morgen Nachmittag im Sitzungszimmer des Dekan unser neuer neuer Head of Dept. "gewaehlt". Unser noch Head of Dept., W. ist einer unserer Doktoranden (ich bin sein Betreuer zu einem neuzeitlichem Thema).

Wir haben 9 Doktoranden, 5 davon im II Batch (2. Semester). 7 Tewahodo-Orthodox, 1 Pentecostler und ein Muslim. Alles sehr nette Leute, die auch untereinader sich gut verstehen und beistehen. Besonders der II Batch ist vielverheissend. Einer davon kommt aus Keficho (Kaffitscho = Kaffa), dem suedlichen Hochland, was noch hoeher als Mekelle liegt. Wir planen eine Exkursion dorthin. Es ist sehr interessant hier und ich hoffe hier laenger bleiben zu koennen als nur die 27 Monate.

Domestisch klappt es gut, aber es hat Wochen gebraucht, die Bude auf Vordermann zu bringen. Ich brauche immer noch einen Buecherschrank, weitrere Stuehle und jede Menge Gluebirnen. Semira, meine Haushaelterin, die Cousine von W. Fahrer und Assisstent, wohnt seit einigen Wochen in einem der beiden kleinen Zimmer im Obergeschoss. Sie geht in der Stadt auf ein College und is Zwischendurch auf mal wieder auf dem Dorf. Seitdem ist meine Kueche immer sauber.

Ich lerne jeden Tag etwas hin zu. Mit der trigrinischen Sprache muehe ich mich noch ab. Mit den Religionen tue ich mich ein wenig schwer. Die geerdetsten Priester sind die Katholiken. Ich traf einen Einheimischen vor einigen Wochen und es war ein sehr erfrischender Kontrast zu den Orthodoxen-Tewahodo-Priester, die in meinem Buch nur noch von den Evangelikalen an B....t uebertroffen werden. Nach den Katholiken kommen die aethiopischen Muslime, die ehrlicher und vernuenftiger sind als die..... Dann konnt lange nichts und dann wie gesagt die Evangelikalen usw. Zur Verteidung muss ich aber sagen, dass meine Zurueckhaltung gegenuber der orthodoxen Priester sich auf die in den Staedten beschraenkt. Die auf dem Lande wuerde ich noch als weise Maenner ansehen. Stell Dir vor in der Nacht von Samstag auf Sonntag beschallt Dein Kirchturm Deine Nachbarschaft mit lauten, lallenden Gesanegen und Predigten, die sich anhoeren wie Charlie Chaplin als der Grosse Diktator. Eine Moschee hat nur bestimmte Zeiten, aber die werden Dank der Saudis immer lauter. Und W. wohnt direkt gegenueber von einer, die seit dem Sommer neue Lautsprecher hat. Er ist seitdem ein Nervenbuendel. Ich hoere sie auch bei recht deutlich, aber wenn ich auf dem richtigen Ohr liege, hoere ich sie nicht...

Anbei eine kleine Auswahl von Bildern, die in den letzten zwei Monaten entstanden sind. Auf einem macht Semira ein ersten "Lauffeuer" (Maisstroh). Ich hatte vor einem Monat Z., Deputy Direktor des PCMA in Warschau bei mir im Gaesterzimmer (Foto) fuer ein paar Tage. Auf einem Bild stoesst sie mit S. an (der Schein truegt, S. hatte sich mein Glas fuer das Bild geschnappt. Sie trinkt nicht). Ich war auf zwei Surveys (mit B.) und bei einer grossen Wanderung dabei, wo wir drei Stunden gingen bis wir zu der Kirche Maryam Nazere (hat aksumitische Grundmauern) kamen. Die Priester gabe uns heiliges Wasser (selbstgemachtes Bier) und Brot (die letzten beiden Bilder). Ich hoffe, Du kannst Sie alle sehen.

Hier scheint dauernd die Sonne 7 bis 24 Grad. Seit zwei Monate kein Regen in der Stadt.